Sine cerebri

„Karneval“ setzt sich aus den lateinischen Worten für „Fleisch“ und  „wegnehmen“ zusammen. Man könnte es gut als „fleischlos“ übersetzen. Das wäre eigentlich im Sinne einer nachhaltigen Ernährung und durchaus ein Grund zum feiern.


Eine kritische Leserin hat angemerkt, dass ich in meinen einerseits immer spärlicher werdenden Nachrichten andererseits auch noch sehr einseitig geworden bin. Das sei natürlich verständlich, da meine Wandlung vom eingefleischten Solitär zum quasiveganen Familienmenschen ja geradezu als kopernikanisch zu bezeichnen wäre. Andererseits wäre das aber auch schade, da mir eine gewisse Themenvielfalt doch auch ganz gut zu Gesicht gestanden hatte. Wer einen Blick in mein Buch Entropie und Wollmaus aus dem Jahr 2013 wirft, weiß, was gemeint ist. Da ging es noch um das wahre Leben und was es zwischen Europapolitik und Rollenkoffer zu bieten hat. 

Nun, einmal ist es wohl so, dass eine Suchmaschine vor zehn Jahren noch einfach eine Suchmaschine war. Wenn man damals einen Begriff - ich sag mal: gegoogelt hat, bekam man eben eine Liste mit Internetseiten, in denen der gesuchte Begriff eine Rolle spielte. Die Liste sah noch einigermaßen gleich aus, egal, wer da gesucht hat. Heute googelt jeder in seiner eigenen Blase. Außerdem habe ich mich ja selbst erfolgreich in meine Geschichten hinein geschrieben. Dass ich jetzt nicht so einfach wieder hinauskomme, ist eigentlich nicht weiter verwunderlich. Ich will ja auch gar nicht wieder hinaus. Das Leben hier drinnen ist real genug und ich weiß nicht, ob es draußen früher wirklich wirklicher war. Aber vielleicht hätte ich damals um diese Jahreszeit ein paar Worte mehr über den Karneval verloren.

„Karneval“ setzt sich also aus den lateinischen Worten für „Fleisch“ und  „wegnehmen“ zusammen. Man könnte es gut als „fleischlos“ übersetzen. Das wäre eigentlich im Sinne einer nachhaltigen Ernährung und durchaus ein Grund zum feiern, wenn es denn auch so gemeint wäre. Aber wie vieles, was erstmal gut klingt, entpuppt sich auch der Karneval als etwas ganz anderes. In diesem Fall sogar als sein Gegenteil: Statt eines zu begrüßenden Sinneswandels wird der Verlust jeglicher Zurechnungsfähigkeit gefeiert. Eine gewaltige Verschwörung zu Untergang und Verfall ist im Gange, wahrscheinlich die einzige Verschwörung, die es tatsächlich gibt. Und sie scheint wieder Erfolge zu feiern. Con carne, aber sine ceribri. 

Veröffentlicht in Weltgeschichte am 17.11.2023 19:39 Uhr.

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