Faith die Kröte
Als ich am letzten Apriltag in den Garten kam, hatten sich im Nachbargarten, mit dem wir uns die Wasseranschluß-Grube teilen, eine Menge Leute eingefunden, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Mir fiel gleich Reinhard Meys "Hab Erdöl im Garten, ob's stürmt oder schneit" ein und ich glaubte nicht anders, unser greiser Gartenfreund von nebenan hätte auf seine alten Tage noch mal Glück gehabt und ist bei Schachtarbeiten auf eine Öl-Ader gestoßen. Nun erwägt er den Bau einer Rafinerie und hat eine entsprechende Firma mit den Vorbereitungen beauftragt. Dann sah ich aber, dass die Wasseranschluß-Grube aufgedeckt war.
Mit einem Schlag war mir alles klar. Es handelte sich um eine private Intitiative, die sich mit Biologen und Tierärzten der Rettung unserer Kröte verschrieben hatten. Ich spähte in die Grube hinab und tatsächlich konnte ich den Lurch nirgends ausmachen. Vermutlich wurde er gerade mit einer Barge auf einem Tieflader über die tschechische Grenze gebracht, um in den dort noch intakten Sumpf- und Moorlandschaften ausgesetzt bzw. freigelassen zu werden. Mir soll es recht sein, aber wir wissen ja, wie so etwas ausgeht. Nach so langer Zeit in der finsteren Grube wird sich das Tier im grellen Tageslicht der vermeintlichen Freiheit nicht mehr zurechtfinden und wahrscheinlich qualvoll verenden, statt in unserer Grube lebendig begraben wie Schrödingers Katze gleichzeitig tot und lebendig zu sein.
So wie die Rettungsmission für den armen Wal weder erfolgreich noch gescheitert ist, weil es keine Sendedaten des Peilsenders gibt, der Aufschluß über den weiteren Verbleib des Meeressäugers geben sollte. Aber was soll man machen?! Ich deckte die Grube wieder ab und verständigte die Gartengesellschaft, dass dies nötig sei, damit mir nicht noch ein Kind hineinfiele. Seitdem sind wir wieder allein in unserem Garten. Aus schierer Verzweiflung hat unser Vorschüler damit begonnen, Weinbergschnecken einzufangen und abzurichten. Aber das Leben wird weitergehen und wir haben ja noch Wühlwurf oder Maulmaus, sind also doch noch nicht von allen guten Geistern verlassen. Und was den Wal betrifft, so werden wir bestimmt noch einmal von ihm hören. Und vielleicht auch von Faith, der Kröte.