Ganz plötzlich
Gerade hat meine schöne Frau gefragt, ob es mich stören würde, wenn sie die Kinder schon mal baden würde. Weil ich ja dann allein wäre. Darauf wäre zu erwidern, dass ich ja keineswegs alleine wäre, denn das Bad befindet sich schließlich innerhalb unserer Wohnung. Dass ich auch ganz gerne mal alleine bin, möchte ich an dieser Stelle lieber nicht sagen. Es stimmt auch nicht, weil mein Bedürfnis nach Alleinsein ein für alle mal gestillt ist. Es stimmte wirklich, ich war gern allein aber als es nach dreißig Jahren damit mehr oder weniger plötzlich ein Ende hatte, war auch klar, dass ich es nie wieder haben muss.
Natürlich war ich auch an meinen Geburtstagen meistens allein. Axel, mein alter Freund, leistete mir gerne bei einer kleinen Wanderung Gesellschaft oder ließ sich wenigstens auf ein kleines Abendessen in eine Wirtschaft einladen. Einen unvergessenen Geburtstag feierten wir in der Spindel in der Bölschestraße, wo man für Spargel mit Schinken und eine Flasche Wein ein kleines Vermögen lassen konnte. Der Spindel hat es nichts genutzt, sie ist trotzdem pleite gegangen. Ein anderes Mal sah ich in eben derselben Bölschestraße mein neues Fahrrad. Das war aber am Vorabend meines Geburtstages. Während der vorangegangen Wanderung am Müggelsee hatte ich gerade unumstößlich beschlossen, nie wieder ein Fahrrad besitzen zu wollen. Dauerplatt und tägliche Pannen, die mir ständig schwarze Finger und lange Fußmärsche einbrachten hatten mich zermürbt.
Aber schon nach zwei, drei Hefeweizen kann einem alles wieder in ganz anderm Lichte erscheinen. Was man eben noch als feindliches Prinzip identifiziert hatte, erscheint einem plötzlich wieder hell und freundlich und ganz und gar erstrebenswert. Am nächsten Tag fuhr ich wieder in die Böschestraße und kaufte das E-Bike, mit dem ich doch auch einige Jahre meinen Spaß hatte. Nun sind die Kinder aber auch gebadet und das "Alleinsein" hat ein Ende. Ganz plötzlich.
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