Ich will noch eben Zigaretten holen gehen
Ich habe Fluchtgedanken. Manchmal. Dann stelle ich mir vor, wie ich meine schöne Frau noch einmal fest in den Arm nehme, spät abends, wenn die Kinder endlich schlafen. Und dann, ohne weitere Erklärung oder Vorwarnung, verlasse ich sie. Meine geliebte Familie und meine schöne Geliebte. Ich verstehe es selber nicht. Sie ist eine wunderbare, tolle Frau und hätte ich nur ein bisschen Mum, ich würde mich mit ihr in einer Tonne die Niagara-Fälle hinunter stürzen. Aber ich habe keinen Mum und darum springe ich lieber vorher ab. Sie schafft das auch alleine. Mich braucht sie dazu nicht, ja, ich bin ihr doch nur ein Klotz am Bein.
Und dann gehe ich los. Ich will über die nahe Grenze nach Tschechien und habe nichts dabei. Kein Geld, keine Kreditkarten, kein Handy. Es wird Nacht, aber ich will noch vor Tagesanbruch über die grüne Grenze. Ich spreche kein Wort tschechisch. Gut, vielleicht die Zahlen bis zehn, bitte und danke und "Pivo". Das muss reichen. Jeder Tscheche kann deutsch. Aber wenn sie merken, dass ich kein Geld habe? Verstehen sie mich dann auch noch? Zu DDR-Zeiten wurde schon sehr genau unterschieden ob man Deutscher Ost oder West war. Ohne D-Mark kam man auch nicht weiter, die Ost-Mark wollte keiner haben.
Nun habe ich also überhaupt kein Geld. Was soll ich machen? Sehen, ob ich eine Apfelplantage finde und dort als Wanderarbeiter anheuern? Meine Gitarre mitnehmen und auf den Marktplätzen im Böhmischen deutsche Volkslieder singen? Könnte ich das leichter ertragen, als unsere Tonne und die Niagara-Fälle? Eher nicht.
✉️ antworten per emailDann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim...