Freund, der ich gern wäre
An meinem 75. Geburtstag sind meine Kinder 22, 19 und 18 Jahre alt. Meine schöne Frau ist dann gerade 29 geworden. Es wird ein Samstag sein und wir werden ein rauschendes Fest feiern. Denn immerhin kann ich hoffentlich mit vier Gästen fest rechnen und wenn mein alter Freund Axel dann auch schon auf die Achtzig zusteuert, kommt er vielleicht trotzdem und bringt wieder seine Kinder und dann vielleicht auch seine Enkelkinder mit. Ich werde in der Gulaschkanone eine Kartoffelsuppe kochen und nach dem Essen singen wir die alten Lieder, bis uns nichts mehr einfällt. Dann können die jungen Leute meinetwegen ein bisschen tanzen.
Am liebsten würde ich dafür die Heringsdorfer Seebrücke mieten, aber das ist wahrscheinlich ein bisschen übertrieben. Da meine schöne Frau wegen ihrer ewigen Jugend leider nicht in Rente gehen kann, werden wir wohl noch im Erzgebirge wohnen, aber feiern möchte ich hier nicht. Bis dahin wird sich noch mehr als eine geeignete Location auftun. Aber wer weiß schon von sich, ob er oder sie nur den nächsten Tag froh und munter erleben kann? Von einem Augenblick auf den anderen kann sich alles verändern und alle Wünsche, Hoffnungen und Träume können in Scherben fallen. Darum verschicke ich lieber noch keine Einladungen.
Ja, vielleicht sollte ich lieber meinen nächsten Geburtstag feiern und nicht bis zum Fünfundsiebzigsten warten? Oder vielleicht will ich lieber gar nicht, ganz gewiss nicht und überhaupt nicht feiern und prokrastiniere Geburtstage und alle anderen möglichen Anlässe? Und wieso? Vielleicht aus Angst, dass keiner kommt und ich dann wochenlang Kartoffelsuppe essen muss. Als ich noch Diakonenschüler war, hatte ich einen Geburtstag, zu dem nur Axel gekommen war. Wir haben den Kasten Bier nicht geschafft, den ich gekauft hatte und ich muss nun bis an mein Lebensende Bier trinken. Wie auch immer. Heute ist Klaus Hoffmann 75 geworden. Ob er feiern wird, weiß ich nicht. Einen Freund hat er aber jedenfalls auch und der hat ihm ein schönes Lied geschenkt: Lied für Klaus.